Über den Umgang mit Menschen – Knigge

Alte Hüte

Bei Stil und Umgangsformen denken Sie gleich an förmliche Regeln der Etikette? Sie halten auch die Bemerkungen die Freiherr Adolph Franz Friedrich Ludwig Knigge 1788 in seinem Buch „Über den Umgang mit Menschen“ geschrieben hat für hoffnungslos veraltet? Dann stehen sie nicht ganz alleine da. Ich selbst bin davon überzeugt, dass die Ausführungen von Knigge universell und zeitlos sind und uns dabei helfen, respektvoll und wertschätzend miteinander umzugehen.

In meinen Vorlesungen für junge Erwachsene an verschiedensten Universitäten und Hochschulen in ganz Deutschland bringe ich diesen zeitlose Umgangsformen bei. Insbesondere in Vorstellungsgesprächen zeigt sich, ob ein gewisser Anstand bei den jungen Erwachsenen vorhanden ist. Anhand von einfachsten Regeln, für die ich oft mit großen Augen angesehen werde, führe ich diese Gespräche live vor. Bei diesen einfachen Knigge-Regeln merke ich dann, dass diese auch heute noch lange keine alten Hüte sind. Wer wird wem vorgestellt? Wer darf sich zuerst setzen? Gibt es Unterschiede zwischen Mann und Frau? Die jungen Erwachsenen zeigen mir immer wieder aufs Neue, dass Knigge in seinen Ausführungen bis heute Bestand hat. Zwar sind einige seiner Ausführungen aktueller in ihrem Verständnis geworden, die Quintessenz von Knigge bleibt aber bis heute bestehen: Der wertschätzende Umgang zwischen uns Menschen.

Auch für Unternehmen gebe ich seit 2007 Umgangsformen Seminare. Insbesondere im direkten Vergleich mit den jungen Erwachsenen merke ich oft, dass zwar die Wertschätzung der Umgangsformen vorhanden, aber das Wissen in der Schulzeit stehen geblieben ist. Dabei geht es nicht allein um Tischmanieren und wie man Messer und Gabel richtig hält. Tischmanieren sind immer noch ein tiefer Ausdruck des Respekts gegenüber dem Gastgeber und ein Kapitel für sich. Es geht weit darüber hinaus. Die Begrüßung ist für viele bereits eine unüberwindbare Hürde. Wer grüßt wen zuerst? Müssen Frauen aufstehen, wenn sie begrüßt werden? Im Business gibt es gegenüber dem Privatleben einen klaren Unterschied, den man wissen sollte. Viele Angestellte, auch in Führungspositionen, denken, dass sie sich Etikette konform verhalten. Gerade hier zeigt sich, wie erfolgreich ein Unternehmen ist. Der innerbetriebliche wertschätzende Umgang untereinander geht konform mit dem gesellschaftlichen und monetären Ergebnis des Unternehmens. Das ist eine Erfahrung, die ich in meiner langen Zeit als Berater für Unternehmen gelernt habe.

‚Der allererste Eindruck ist unser Schaufenster, in welches unser Gegenüber hineinschaut.‘ Wie sieht Ihr Schaufenster aus? Zu Knigges Zeiten ist man flanieren gegangen und hat sich dafür gut angezogen. ‚Gesehen und gesehen werden‘ hieß hier das Motto, das auch heute noch gilt. Die Kleidung war das das Schaufenster, in das alle hineinblicken konnten. Es wurde gepflegt, geputzt und sauber gehalten. Es war zu jeder Zeit sichtbar. Die Zeiten haben sich bis heute nicht geändert. Die alten Hüte von damals tragen wir heute noch, ohne es oft zu wissen.

Die Ideen von Knigge sind nicht antiquiert oder nicht mehr zeitgemäß. Knigge hat in seinem Buch eine Geisteshaltung beschrieben, die bis heute andauert. Rücksichtnahme und Wertschätzung sind auch heute noch Werte, die wir gerne in den Mund nehmen und vorleben.

Knigge hat in seinem Leben die Alltagsbeobachtungen auf den Menschen übertragen und nur auf den Menschen, nicht auf seine Zeit. Genau deshalb besitzen diese Beobachtungen auch heute noch ihre Gültigkeit. Diese einzigartige Beobachtungsgabe gilt heute umso mehr in den sozialen Medien. ‚Die digitale Kommunikationsform führt dazu, dass wir keine direkte Reaktion zu fürchten haben.‘ Vor dem PC, Tablet oder Smartphone, sieht der Nutzer sein Gegenüber nicht. Er kann sich damit auch nicht mehr in ihn einfühlen. Das führt immer mehr dazu, dass Nutzer das Prinzip „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu“ ignorieren. Wertschätzung im Sinne von Knigge kann hier wahre Wunder bewirken. Diese Wertschätzung fängt schon lange vor der eigentlichen Begegnung mit der Person an. Wie ziehe ich mich an? Zu welchem Anlass treffe ich die Person? Welche Zeit nehme ich mir für diese Person? Alles Fragen, die wir uns nicht nur real, sondern auch digital stellen sollten. Wir sehen die Person, der wir digital schreiben nicht. Welche Überlegungen führen zu dem Text, den wir ihr dann über die digitale Welt zuschicken?

Immer mehr Wissenschaftler treten für eine Auseinandersetzung mit den Umgangsformen der digitalen Welt ein. So auch der Medienwissenschaftler Martin Emmer: „Digitale Bildung gehört zu den ganz zentralen Herausforderungen unserer Zukunft“, sagt der Professor für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Freien Universität Berlin. Social Media ist bereits so tief in unseren Alltag eingedrungen, dass es dafür ganz neue Kompetenzen braucht. Den Beginn bildete das Kofferwort Netiquette – Netz und Etikette – in den 90er Jahren. Sie versuchte mit sozialen Umgangsformen die Internetnutzung an die reale Welt anzugleichen. Dies misslang zum Teil. Das Wort Netiquette ist vielen ein Begriff, wenn sie aber tiefer nachfragen, dann bekommen sie keine Antworten auf einfache Umgangsformen im Internet. Netiquette hat sich bis heute keinen eigenen Wertanspruch in der digitalen Welt erarbeitet.

Die digitale Welt sprintet nur so an uns vorbei. Zu den digitalen Etikette Regeln kommen, im Zuge des Netzausbaus, neue Regeln hinzu. Darunter fallen auch solche, die früher nur Experten vorbehalten waren. Das Abschätzen von möglichen rechtlichen und sozialen Folgen öffentlicher Äußerungen oder das Prüfen von Quellen sind elementare Bestandteile davon. Hier sind alle Lehranstalten und die Eltern genauso in der Verantwortung wie Medien, Wissenschaft und politische Bildung. In den Vorlesungen werden diese Begriffe immer wieder genannt, weil sie bekannt sind, aber nicht gelebt werden.

Fazit:

Knigge ist kein alter Hut. Er ist nie aktueller gewesen als in der heutigen Zeit. Mit dem Einzug der digitalen Medien bekommt der wertschätzende Umgang zwischen uns Menschen eine völlig neue Bedeutung. Diese begreifen wir erst im Ansatz. Sie wird unsere Welt grundlegend verändern und erneuern. Wir sind jetzt gefragt, unser Wissen über Umgangsformen in diese neue digitale Welt einzubringen und sie damit zu gestalten.

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