Die vergessene Verlinkung: ein Mammutprojekt, das funktionierte und gerade deshalb vergessen wurde – typisch deutsch in dieser Zeit?


Im Jahr 1886 wurden gerade einmal zwei Tage eingeplant, um zehntausende Kilometer Schienen zu verlegen.

Über Großprojekte spricht man erst, wenn sie besonders grandios werden oder besondere Probleme bereiten. Die Pyramiden von Gizeh sind ein sehr gutes Beispiel für die erste Variante. Die deutschen Funklöcher sind besondere Lehrstücke für den zweiten Fall. Falsch geplante Infrastruktur fällt sofort auf. Geht jedoch alles nach Plan, machen die Verantwortlichen nur ihren Job. Nie ist dies so richtig wie heute!

Es verwundert jedoch, wenn man liest, dass nur in zwei Tagen Arbeit und nach nicht einmal vier Monaten Einsatzplanung 11.500 Meilen (das sind ca. 18.500 km) Fahrzeuge und Schienen auf eine komplett neue Spurweite umgestellt wurden – ohne hochdekorierte Wirtschaftswissenschaftler, Verbrennungsmotoren, Ultraschnelles PCs oder gar der Neuzüchtung von agilen Projektmanagern. Geschehen im Jahr 1866 in den Vereinigten Staaten. Damit Sie die Größenordnung dieser Managementaufgabe richtig einordnen können: Die gesamte Länge des deutschen Schienennetzes – der komplette Nah-, Fern- und Güterverkehr – beträgt in etwa 20.000 Meilen (ca. 33.000 km).

Die vergessene Verlinkung

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stellte die Schiene das in der Geschwindigkeit und Kapazität klar dominierende Verkehrsmittel dar. Was passierte jedoch, wenn sich zwei Systeme unterschiedlich entwickeln? Die Folgen sind gravierend. Im Norden der USA verwendete man das englische Maß von vier Fuß und 8,5 Zoll, während die Eisenbahngesellschaften im Süden fünf Fuß verbauten.

Frei gewählte Spurweiten in einem freien Land

Diese Spurweiten ergaben sich oft aus First Surf Vorstellungen. Das Ingenieurbüro Horatio Allen der South Carolina Canal & Rail Road Company hatte sich für eine Spurweite von fünf Fuß entschieden und viel Eisenbahngesellschaften im Süden folgten später dieser Entscheidung. Wenn Eisenbahnlinien mit unterschiedlicher Spurweiten aufeinander trafen, dann luden Arbeiter die Fracht oder spurten die Wagons um. Es war immer eine zeit- und kostenintensive Arbeit.Um dies zu ändern, gab es lange kaum Druck. Der Süden und Norden der USA tauschten kaum genug Waren aus, dass sich dies lohnen würde. Dann kam der Krieg dazu und mit der zunehmenden Industrialisierung sowie dem Ende der zuvor im Süden dominierenden Sklavenwirtschaft. Der Handel zwischen Norden u d Süden nahm sprunghaft zu und damit entwickelten sich die unterschiedlichen Spurweiten immer mehr zu einem Hindernis.

Chicagos im Norden mit seiner wirtschaftliche Bedeutung für die gesamten USA wuchs im späten 19. Jahrhundert.  Zwei Städte aus dem Süden entschieden sich aus diesem Grund dazu, auf die Standardspurweite des Nordens umzusteigen. Dadurch erhöhte sich massiv der Umsetzungsdruck auf die anderen Eisenbahngesellschaften im Süden.

Die restlichen Eisenbahngesellschaften im Süden beschlossen im Frühjahr 1886, die Spurweite gemeinsam zu ändern. Bei ihrem Treffen entschieden sie sich für den neuen Standard – vier Fuß und neun Zoll, ein halbes Zoll mehr als die meisten Gesellschaften im Norden verwendeten. Allerdings waren viele Strecken aus dem Süden mit der Pennsylvania Railroad im Norden verbunden. Ausgerechnet diese hatte sich auf vier Fuß und neun Zoll als Spurweite festgelegt.

Zwei Tage Arbeit und vier Monate Vorbereitung

Bereits am 31. Mai 1866  Ur wenige Monate später sollten die Arbeiten beginnen und nach ganzen zwei Tagen abgeschlossen sein. Um die Spurweite zu ändern, mussten die Arbeiter eine der Schienen neu verlegen. In den nächsten Monaten wurden bereits neue Nägel an die richtige Stelle des Gleises getrieben und einzelne der alten Nägel entfernt. Manche Fahrzeuge und Wagons erhielten schon jetzt neue Achsen, bei denen sich die Räder mit einem zur rechten Zeit entfernten Ring schnell anpassen ließen..

Und gerade wegen dieser ganzen Vorbereitungen: Der Betrieb im Süden ging weiter. Den Hauptteil der Arbeit würden die Arbeiter in kürzester Zeit schaffen müssen. Einige Gruppen erhielten aus diesem Grunde einen bestimmten Abschnitt, andere begannen an einem ganz bestimmten Punkt und arbeiteten sich vorwärts, bis sie die nächste Arbeiterkolonne erreichten. Die Männer entfernten die alten Nägel, brachten die Schienen an ihre neue Position und hämmerten sie wieder fest. Andere Arbeiter wechselten im Depot die Räder und Achsen der Triebfahrzeuge und Waggons.

Nach nur zwei Tagen fuhren die Züge wieder – auf vier Fuß und neun Zoll Spurweite! Das alles ging so reibungslos über die Bühne, dass detaillierte Informationen über solch eine grundlegende und massive Umstellung der Infrastruktur bis heute nur sehr schwer auffindbar sind. Zeitungsartikel schrieben von einer rationell ausgeführten Arbeit, die so unauffällig erledigt worden sei, dass die Öffentlichkeit sie kaum bemerkt habe. Auch sei der reguläre Verkehr kaum unterbrochen gewesen und selbst Unfälle hätte es keine gegeben.

Historische Vergleiche sind schwer – und dennoch ist es erstaunlich, wie schnell und gründlich so manche menschliche Leistung vollbracht wurde. Und vermutlich genau deswegen erinnern sich heute nur wenige Menschen an diese herausragende Leistung.


Fehlende Verlinkung der Pandemie Covid 19

Heute stehen wir vor der gleichen Leistung von vielen Menschen in Deutschland. Allerorts hört man nur noch den abgekürzten Begriff C* oder C19, ohne den Namen, der für diese unglaublich große menschliche Leistung verantwortlich ist ganz auszusprechen: Coronavirus SARS-CoV-2 oder COVID19. Das Virus wird damit verharmlost, ignoriert und soll möglichst schnell vergessen zu werden. Werden die Menschen die hinter diesen Namen stehen ebenfalls vergessen, gerade weil sie solch eine herausragende Leistung über Monate erbracht haben? Es klingt danach, wenn ich höre und lese, dass alles ja gar nicht so schlimm ist und war. „Macht auf Eure Türen und lasst das Leben wieder hinein.„ höre ich von überall her.

Herausragende Leistungen werden nur allzu schnell vergessen, ob von den Leugnern oder den Ignoranten der Pandemie. Es ist leider so, dass wir nur allzu schnell die wahren Helden vergessen und uns unseren eigenen Problemen zuwenden. Wo sind die Eisenbahnarbeiter, die gigantisches vollbracht haben? Wo sind die Pfleger, Ärzte, Schwestern und alle anderen Menschen, die uns durch diese Zeit gebracht haben, ohne dass wir diese wirklich an uns heran lassen mussten? Wo sind die Menschen, die uns mit Ihrer Arbeit beschützt haben? Hilft einfaches Klatschen an Abenden in der Woche weiter? Ich denkerisch, sondern eher dass sie alle wieder vergessen werden. Die Pandemie ist heute aktuell und C*, C19 oder ähnliches wird die Zeit in den Aufzeichnungen überleben. Keine Arzt, kein Pfleger und keine Schwester werden in diesen Aufzeichnungen zu Wort kommen oder genannt werden. Zu natürlich waren ihre Arbeiten.

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