Du oder Sie – Was ist anständig?

Die Anredeform ist eine uralte Form und der Beginn eines sprachlichen Austausches zwischen uns Menschen. Schon die alten Ägypter hatten verschiedene Formen der Anrede. Auch Sie kannten dabei die besondere Form der Anrede von bestimmten Personengruppen, was wir heute mit der Sie-Anrede in verkürzter Form praktizieren. Dies setzte sich bei den Griechen bis hin zu den Römern fort. Wir haben es in unsere abendländische Kultur übernommen. In den letzten Jahren bemerke ich jedoch immer mehr, dass viele Menschen, ja ganze Konzerne, die reine Du-Form einführen. Das „Sie“ ist nicht mehr gewünscht.

Ich muss mich outen: Ich bin ein Befürworter der Sie-Form!

Die Sie-Form ist für mich eine Form des Anstandes gegenüber meinem Gesprächspartner. Insbesondere, wenn ich diesen noch nicht kenne und zum ersten Mal begrüße. Es gibt jedoch auch Menschen, mit denen ich seit Jahren in Kontakt bin, die bereits Business-Freunde geworden sind, mit denen ich bis heute die Sie-Anrede pflege. Genau das ist auch der Punkt. Ich pflege meine Beziehungen. Bei dieser Pflege ist es für mich wichtig, dass ich wir uns gegenseitig achten und schätzen. Dadurch haben wir gemeinsam Erfolg in dem was wir tun.

Anstand und Erfolg

Ich habe zu diesem Artikel einmal recherchiert, mit welchen Menschen ich dauerhaft und nachhaltig in der Zusammenarbeit Erfolg habe. Für mich ist die Zusammenarbeit mit anderen Experten auf Ihren Gebieten, ein entscheidender Punkt in meinem Business. „Nur zusammen sind wir stark!“ Wie eine alte Weisheit schon sagt. Ich ziehe mir für Aufträge sehr oft andere Experten auf Ihren Gebieten mit hinzu, um den Kunden eine perfekte Leistung abzugeben und ihn damit einen Mehrwert zu geben. Bei meiner Recherche habe ich festgestellt, dass die durchschnittlich nachhaltigsten und erfolgreichsten Zusammenarbeiten immer die gewesen sind, wo wir uns als gegenseitige Experten mit der Sie-Form angeredet haben. Das kann jetzt ein Zufall sein. Zeigt mir jedoch, dass meine Art der Anrede für mich erfolgreich ist. Ich lebe erfolgreich meinen Claim:

Weil Anstand Erfolg bringt!

Der Du-Form-Konflikt

Als Sie-Form Befürworter stehe ich auch nicht vor der Herausforderung meine einmal gesteckte Anredeform zu widerrufen. Die Sie-Form, wie sie der deutsche Sprachgebrauch interpretiert, ist, meiner Ansicht nach, einfach immer richtig. Sie kann aus der reinen Sie-Form jederzeit in die Du-Form wechseln. Umgekehrt ist dies weitaus seltener der Fall. Ein geschätzter Kollege von mir hat in einem öffentlichen Diskussionsgespräch mit mir, mitgeteilt, dass er sich bereits vor Jahren dazu entschlossen hat, alle Menschen mit Du anzureden. Das sei schließlich im anglizistischen Sprachgebrauch Gang und Gebe. Zu diesem Punkt komme ich noch später ausführlicher. Hier jedoch offenbarte sich sofort sein großer innerer Konflikt. Auf seiner Website, im Blog, in den sozialen Medien spricht er alle sofort mit Du an. Als ich ihn fragte, wenn ein großer wichtiger Kunde wegen eines wirklich großen Auftrages, auf ihn zukomme und ihn mit Sie anrede, wie antwortet er? Er antwortete wie aus der Pistole geschossen: „Natürlich auch mit Sie!“ Ich schaute ihn über das Videokonferenzsystem nur an und wartete. „Das ist jetzt eine Ausnahme, da geht es um meine Aufträge.“ Sagte er, als er meinen Blick wahrnahm. „Wenn es ums Geld geht, dann hört also Deine Du-Freundschaft auf?“ Er wand sich sichtlich, konnte es aber auch im Nachhinein nicht überzeugend für sich erklären. Für mich ist das kein Wert, nachdem man lebt. Einmal Hü und einmal Hot, gerade so, wie der Wind weht. Das ist für mich der große Du-Konfikt, in den wir gerade mit Überschallgeschwindigkeit hineinrasen. Die ausgelagerten Gespräche in die digitale Welt, weg von den Präsenzgesprächen, unterstützt diese Geschwindigkeit nachhaltig.

Anglizismus

Ein verbreiteter Irrglauben, der aus dem englischsprachigen Raum übernommen wurde, ist die Tatsache, dass das englische „you“ dem deutschen „Du“ entspricht. Dem ist mitnichten so. Ein englischer Muttersprachler wird dagegen sofort intervenieren. Das englische „you“ ist eher eine Mischform aus dem deutschen „Sie“ und „Du“. Je nach Situation wird es anders betont oder weitere Anredeformen angehängt. Ganz oft höre ich „Miss Oxford, did you have…“. In die Deutsche Du-Form übersetzt würde dies heißen: „Frau Oxford, hast Du…“. Hier fängt es an lächerlich zu werden. Seltsamerweise übersetzen die akkreditierten Übersetzer dies mit „Frau Oxford, haben Sie…“? Ich überlasse es Ihnen, lieber Leser, welche Schlussfolgerungen Sie daraus ziehen mögen. Ich habe das persönliche Gefühl, dass es sich die Menschen einfacher in der Ansprache machen wollen. Den Konflikt der Sie- und Du-Form umschiffen Sie damit elegant, so ihr Gedanke. Den eigentlichen Konflikt hinter der Du-Anrede, den sie damit geradezu heraufbeschwören, sehen sie nicht. Es geht damit der Anstand vor Menschen verloren, die von den Stärkeren geschützt werden sollten. Würden Sie einer älteren Dame, die über die Straße will, mit den Worten helfen: „Warte Oma, ich helfe Dir.“? Ich würde Sie respektvoll, ihrem Alter entsprechend anreden. Hier geht uns ein Stück Kultur verloren. 

Eine sehr gute Freundin von mir, Mitte Zwanzig, spricht aus Überzeugung auch jeden mit der Du-Form an. Sie hat eine Weile in England gelebt. „Wer das nicht akzeptiert, soll sich mit mir nicht unterhalten!“ so ihre Worte, „‘Das ist mein Anstand dazu.“ Das änderte sich urplötzlich. Wie aus dem Nichts heraus fragte Sie mich vor kurzem, wie ich es mit dem Anstand und der Sie-Form halte. Ich erklärte ihr meine Werte zu diesem Thema. Sie hörte es sich an und fragte mich, ob sie mich wieder um Rat fragen dürfe. Ich war wirklich verwundert und fragte sie, woher dieser Sinneswandel bei ihr gekommen sei? Ihre kurze, aber sehr eindeutige Antwort: „Ich bin schwanger und will mein Kind in einer anständigen Welt aufwachsen sehen!“ Werte ändern sich, wenn man Verantwortung für andere Menschen übernimmt.

Umbruch

Ich glaube, dass wir gerade in einer sprachlichen Umbruchzeit stecken. Das allgemeine Du wird sich sehr wahrscheinlich durchsetzen. Ich selbst bin jedoch heute noch nicht bereit dazu, diese Änderung allumfassend im zwischenmenschlichen Bereich mitzugehen. Zu sehr sind wir noch von den Verhaltensweisen der Vergangenheit geprägt, so auch ich. Ich werde auch weiterhin beide Formen anwenden. Der Erfolg in den letzten Jahren der Umbruchzeit gibt mir recht. Vielleicht werde ich der letzte Deutsche sein, der Sie mit Sie anredet, wer weiß…

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit habe ich in diesen Artikel auf die gleichzeitige Verwendung der Sprachformen männlich, weiblich und divers (m/w/d) verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.

Eine Antwort

  1. Lieber Herr Braun,
    ich bin durch Zufall auf Ihre Seite gelangt, weil ich Ihren APPetizer-Beitrag in der Juni-Ausgabe von managerSeminare gelesen hatte und mehr über den „Digitalexperten“ Bernd Braun erfahren wollte. Ihr Beitrag zum „Du“ und/oder „Sie“ spricht mich sehr an, weil er aufzeigt, dass wir uns auch diesbezüglich sicher in einem Wandel befinden, der nicht für alle leicht nachvollziehbar ist.
    Als ich vor über zehn Jahren als Managing Director für drei Jahre nach Dänemark wechselte, wurde ich mit dem dänischen „Duz-Comment“ gleich am ersten Tag begrüßt, verbunden mit dem Hinweis, man wisse zwar, dass ich als Chef aus Deutschland entsandt worden sei, wir Deutschen ja sehr hierarchisch usw. usw. seien, in Dänemark aber alle gleich seien. Und deshalb auch das „Du“, außer der Königin und dem Chef von Maersk würden alle geduzt! – Für mich hat sich das „Du“ seit dieser Zeit fast immer gut angefühlt; ich denke es kommt viel mehr auf den gegenseitigen Respekt an.
    Vielleicht eine interessante Ergänzung zu Ihrem Beitrag, denn wir orientieren uns immer sehr schnell an der englischen Sprache und übersehen zuweilen, dass rund um Deutschland herum sehr verschiedene (Sprach-)Gewohnheiten gepflegt werden. So haben die Dänen auch offenbar keinen Drang zu Gendern. Manchmal hilft einfach nur, sich in eine andere Kultur einzufühlen und festzustellen, dass es auch noch viele Standpunkte neben dem deutschen Mainstream gibt, die durchaus beachtenswert sein können.
    Viele Grüße aus Bad Wildungen
    Stephan Dolle
    P.S.: Ihre Website ist sehr ansprechend gestaltet!

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